Donnerstag, 28. Juli 2016

Auf ein Neues mit Connie Crawford: Butterick B6359

Einmal mehr darf ich für mein bevorzugtes Forum www.hobbyschneiderin24.net einen neuen Schnitt auf Herz und Nieren prüfen. Seit gut einem Jahr stellen Aktive des Forums sich der Herausforderung, aktuelle Schnitte aus den Kollektionen von Butterick, Vogue, McCalls und KwikSew nachzunähen und vorzustellen. Der Blick geht hier unter anderem auf die gute Umsetzbarkeit der Schnitte, auf die Anleitungen und die vielen kleinen Details, die einem Hobbyschneider vielleicht auffallen, wenn er sich intensiv mit dem Schnitt befasst. Bislang kamen hier durchweg gute Ergebnisse zustande.

Aus der neuen Sommerkollektion von Butterick hatte ich mir den Schnitt B6359 ausgesucht und mich sehr gefreut, dass ich den Zuschlag für diese Kollektion bekommen habe. Das Kleid fällt duch seine asymmetrische Schnittgestaltung und die Wickeloptik ins Auge. Das waren auch die Punkte, die für mich den Ausschlag gaben, mich intensiv mit diesem Schnitt zu befassen. Und da gab es dieses Mal durchaus ein paar Überraschungen....

Wer schon einmal mit den Schnitten amerikanischer Hersteller gearbeitet hat, kennt dieses zarte, braune Schnittmusterpapier. Es ist sehr dünn, aber trotzdem überraschend reißfest. Leider neigt es dazu, beim Zusammenfalten auch schon einmal dort zu knittern, wo es unerwünscht ist. Also steht nach dem Ausschneiden des Schnittes in der Regel erst einmal das Bügeln an. Da diese Schnitte üblicherweise schon die Nahtzugabe enthalten, ist dies unbedingt notwendig, da sonst schnell an entscheidender Stelle einige Zentimeter fehlen können.

Vor dem Zuschnitt steht der Stoffkauf. Egal, welche tollen Angebote es hier inzwischen online gibt: Ich bin in diesem Punkt eher altmodisch gestrickt. Ich muss den Stoff anfassen können, muss seinen Fall und Griff in einem größere Stück beurteilen. Auch wenn viele Onlinehändler längst Stoffproben versenden: Mit einem 10x10 cm großen Stück kann ich das nicht. Und so war ich einmal mehr froh, dass mein Händler vor Ort in diesem Punkt sehr gut sortiert ist.

Als ich den Schnitt zum ersten Mal sah, war meine erste spontane Reaktion: ROT. Dummerweise hatte mein Händler keinen leichten, weich fallenden Webstoff. Denn anders als viele Schnitte in dieser Art ist das Kleid explizit für leichte Webstoffe konzipiert. Der einzige rote Stoff, der von der Farbe her in Frage kam, war ein dickerer, aber stark elastischer Jersey. Doch dieser Stoff fiel leider heraus. Zum Glück hatte ich mit Herrn Huhn mit Blog einen guten Berater an meiner Seite. Ich muss zugeben, ich war erst skeptisch, als er eine grau-blaue Viskosemischung mit einem zarten Silberglanz vom Tisch zog. Aber das Material hat mich überzeugt, und so schlug ich zu.

Ferienzeit ist Nähzeit: Also machte ich mich an einem schönen Sommermorgen an den Zuschnitt. Dumm, dass dieser Morgen recht warm und schwül war. Asymmetrische Kleider haben zudem den Nachteil, dass ihre Stücke selten einfach im Bruch zugeschnitten werden. Also galt es, die komplette Fläche des Wohnzimmerfußbodens auszunutzen, um die einzelnen Teile auf den Stoff zu übertragen. "Oha, Materialschlacht", war dann auch mein erster Gedanke, als ich vier Meter Stoff Stück für Stück auf dem Boden ausbreitete und dann die einzelnen Teile zuschnitt. Warm und schwül heißt zumindest zum zu Hause rumhängen auch schon einmal kurze Radlerhose und Labbershirt. Dumm, dass die Haut auch an den Knien schwitzt - und dann gepflegt am zarten Schnittmusterpapier hängen bleibt. Diese Strapaze überstand der Schnitt leider nicht ohne Blessuren. Ansonsten ging der Zuschnitt vergleichsweise problemlos. Allerdings begann ich hier schon zu ahnen, dass ich mit dem Stoff noch viel Freude haben würde. Denn der Stoff flutschte schon beim Zuschnitt ziemlich hin und her und konnte nur durch den Einsatz von vielen Stecknadeln gebändigt werden.

Dann ging es an die Nähmaschine. Da das Kleid eine ziemlich lange Strecke im schrägen Fadenverlauf entlang der Ausschnittkanten am Hals hat, hieß es erst einmal Stütznähte setzen. Diese verhindern, dass sich die schrägen Kanten beim weiteren Verarbeiten verziehen. Diese Methode lernte ich erst bei den amerkianischen Herstellern kennen und auch schätzen. Grundsätzlich war das Kleid recht eionfach zu nähen, da es im Prinzip viele gerade Nähte sind. Nach rund vier Stunden ließ sich dann auch schon die Grundform des Kleides auf dem Bügel erkennen.

Tja, und dann kam das Schrägband...

Laut Schnitt werden die Ausschnittkanten mit Schrägband eingefasst, das aus dem Oberstoff geschnitten wird. Stoff genug hatte ich ja zur Verfügung, also sah ich darin zunächst einmal kein Problem. Doch dann begann der Stoff, mir ständig wegzuflutschen. Der Zuschnitt nach Schnittmusterteil erschien mir als wenig zielführend. Ich hatte die Befürchtung, dass das Band am Ende eher wellig denn gerade sein würde. Also griff ich zu Lineal und Rollschneider, und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Es gelang mir nur mit großer Mühe, eine gerade Kante im 45-Grad-Winkel zu produzieren. Zudem verrutschte der Stoff ständig, wenn ich das Lineal anlegte. Am Ende hatte ich zwar etliche Stoffstreifen, aber brauchbare Stücke für Schrägband in der geforderten Länge waren da definitiv nicht bei.

Also führte mich der Weg wieder zum örtlichen Stoffhändler, in der Hoffnung, dort ein farblich passendes fertiges Schrägband zu finden. Zwar hat mein Händler eine enorme Auswahl, aber für diesen speziellen Farbton gab es leider nichts passendes. Einen kurzen Moment überlegte ich, komplett auf kontrastierendes Schrägband zu setzen, aber diesen Gedanken verwarf ich schnell wieder. Dem Stoff am nächsten kam ein neutral graues Schrägband. An die Ausschnittkante gehalten, verwarf ich diese Idee aber wieder, da der Farbunterschied auf die Distanz gesehen doch zu stark war. Von einem anderen Wickelkleid kannte ich die Möglichkeit der Verarbeitung von Schrägband als Beleg. Also entschied ich mich, abweichend von der Anleitung, auch diese Methode hier anzuwenden. Zunächst wird das Schrägband Aufgeklappt und rechts auf rechts an die Ausschnittkante angenäht. Anschließend wird das Band an der Naht umgeschlagen auf die linke Stoffseite. Die rohen Kanten liegen nun unter dem Schrägband versteckt. Zum Schluss wird die Kante noch einmal abgesteppt und so das Schrägband fixiert. Damit war das Problem der Kantenversäuberung gelöst. Aus den zugeschnittenen Stoffbändern suchte ich mir die besten Stücke aus und verarbeitete diese als Bindebänder weiter. Diese fasste ich in den seitlichen Saum der beiden vorderen Seitenteile und konnte mich so zumindest optisch wieder dem angestrebten Look des Kleides nähern.

Ob das Kleid gut sitzt, konnte ich bis zu diesem Punkt nur erahnen. Denn die Seitennähte waren bis jetzt immer noch offen, da erst die Ärmel eingesetzt werden sollten. Ich hatte mich dieses Mal dafür entscheiden, eine leichte Korrektur des Schnittes für abfallende Schultern durchzuführen. So saß das Kleid besser am Nacken und am Ausschnitt. Die Ärmel hatte ich entsprechend der Anleitung angepasst. Schon beim Zuschneiden und Einsetzen der Ärmel fiel mir auf, wie sehr sich der Stoff verzog. Die Kanten flutschten beim Stecken immer wieder weg. Gerade hier bei den Ärmel fiel mir diese Eigenschaft des Materials ganz extrem auf. Ich hatte stellenweise plötzlich Stoff zuviel - was ich aber zunächst einer fehlerhaften Schnittkorrektur bei der Anpassung meinerseits zuschrieb. Nach dem Schließen der Seitennaht und der ersten "richtigen" Anprobe stellte sich allerdings heraus: Die Ärmel sind zu eng. Sie spannen am Oberarm und fühlen sich unangenehm an. Deshalb schaue ich auf diesem Bild auch nicht gerade begeistert....

Was jetzt? Als blieb nur der Griff zum besten Freund der Hobbyschneiderin: Dem Pfeiltrenner. Nachdem die Ärmel wieder draußen waren, stand fest: Das Kleid sitzt grundsätzlich gut. ABER: Der Armausschnitt setzt meine Oberarme wie ein Bilderrahmen äußerst prominent in Szene. Die ärmellose Variante des Kleides kam für mich also definitiv nicht in Frage. Durch das Desaster mit den Schrägbändern hatte ich aber auch nicht mehr genügend Stoff, um die kompletten Ärmel neu zuzuschneiden. Also half nur noch Freestyle. Ich entschied mich, kleine Käppchenärmel aus dem vorhandenen Ärmelschnitt zu konstruieren. Ich nahm den Schnitt und zog ungefähr 25 cm unterhalb des Schulterpunktes eine parallele Linie zur Ärmelunterkante. Diese verkürzte Ärmelkugel schnitt ich viermal zu. Je zwei Stücke nähte ich rechts auf rechts an der unteren Kante zusammen, dann wurde diese nach Innen geklappt, gebügelt und noch einmal abgesteppt. Für den offenen Saum unterhalb des Käppchens entschied ich mich für die gleiche Methode mit dem Schrägband wie an der Ausschnittkante. Der Vorteil war zudem, dass auch die Nahtzugabe der Käppchen darunter verschwinden konnten und ich so einen sauberen Abschluss innen habe. Da ich zudem keine sichtbare Steppnaht an der Schulter wollte, nähte ich das Schrägband abschließend mit der Hand an. Auf dem Bügel gefiel mir das Ergebnis schon ganz gut.

Die Lösung mit dem Ärmel war zwar ein Kompromiss, der mir dennoch gut gefällt und ein wenig meine fleischigen Oberarme kaschiert. Optimal ist es noch nicht, das ist mir bewusst. Aber wie waqr das doch gleich mit dem Hausbau: Eines für den Freund, eines für den Feind und eines für sich selbst. Also kann und darf durchaus bei einem ersten Versuch eines neuen Schnittes etwas schief gehen.

Beim Fotografieren des fertigen Stückes fiel mir sehr positiv auf, dass sich das Kleid sehr angenehm tragen lässt. Es ist schnell angezogen, wenn erst einmal das Gefühl dafür da ist, wie stark die Schnürung gezogen werden kann.  Dann sitzt es auch gut und ist auf jeden Fall eine Bereicherung meiner Garderobe für die hoffentlich noch kommenden Sommertage. Grundsätzlich finde ich das Kleid gelungen und freue mich darauf, es auszuführen. Nichtsdestotrotz könnte ich mir eine zweite Version aus dem besagten roten Jersey vorstellen....

Hier könnt ihr übrigens lesen, was über dieses Kleid im Hobbyschneider-Forum veröffentlicht wurde.
 

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