Freitag, 30. Oktober 2015

Süßes oder saures Upcycling




Jedes Jahr am 31. Oktober treiben unheimliche Gestalten in einem beschaulichen kleinen Ort am Rhein ihr Unwesen: Dann laden die Engerser Nachtwächter alle mutigen Kinder zur "Geisterführung" ein. Ich habe auch schon im Geisterkostüm auf der Schlosstreppe am Rheinufer gestanden und mich von den Kindern mit einem beherzten "Geister, haut ab" wegjagen lassen. Seit zwei Jahren darf ich dieses gelungene Schauspiel von der anderen Seite betrachten: Gemeinsam mit der Maus scheuchen wir zwielichtige Gestalten ins Dunkel der Nacht zurück. Für die Maus sind nicht nur die schönen Geschichten ein Highlight, die die Nachtwächter Richard, Michael und Gerd erzählen. Für sie zählt natürlich auch die Frage: "Was zieh ich an?" zu den Höhepunkten im Vorfeld des "Hau-ab-Tages".

Da ist meine Maus ähnlich wählerisch wie eine Hollywood-Diva vor der Oscarverleihung. In diesem Jahr wollte sie erst kein Kostüm anziehen, kam aber dann fünf Tage vor dem Ereignis auf die Idee, sich als Vampirkönigin zu kleiden. Zu gekauften Kostümen habe ich ein eher zwiespältiges Verhältnis. Oft ist eine Menge Geld fällig für einen dünnen Fetzen aus dem billigsten Faschingssatin. Mal abgesehen von der Tatsache, dass einem das Kostüm regelmäßig in x-facher Ausführung begegnet, sind diese Fetzen nur für Feste in geschlossenen Räumen geeignet. Ein dicker Pullover passt da nicht drunter - von einer Jacke ganz zu schweigen. Also fließen die ersten Tränen, weil das Kostüm unter einer Winterjacke verschwindet. Daher mache ich zu jedem Kostüm eine passende Jacke oder ein warmes Obendrüber, das aber auch vom Stil her passt.

Ein Kleid und ein passender Umhang erschienen mir als die einfachste Lösung. Beides lässt sich gut und schnell realisieren. Zunächst habe ich nach passenden Stoffen gesucht. Aufgrund der Kürze der Zeit kam nur "Use What You Have" in Frage. Also wurden sämtliche Stoff- und Upcyclingkisten ausgeräumt und siehe da, ich wurde fündig. In meiner Upcycling-Kiste fand sich ein weiter schwarzer Trachtenrock mit Schattenstreifen und einem aufwändigen Saum mit Samtborde, Spitze und Rosenband. Das könnte ein perfekter Rock für eine dunkle Majestät geben. Aber wie gestalte ich das Oberteil? Zudem hatte ich Skrupel, den schönen Stoff zu zerschneiden. Einmal Nachmessen brachte mich auf die Idee, ein Kleid mit einem Empire-Oberteil zu nähen. So könnte ich den Rockstoff in der gesamten Länge erhalten und hatte das Säumen und Betüdeln des Saumes gespart. Der Rock wurde unterhalb des gestiftelten Bereichs abgeschnitten und die obere Kante versäubert. Auch den Unterrock habe ich abgeschnitten und oben versäubert. Beides wird später in Falten gelegt, um auf die Unterbrustweite der Maus zu kommen. Das Oberteil des Empirekleides stammt von PASST! Golden Pattern. Das Kleid mit Prinzessteilung stand schon im letzten Jahr Pate für das Geisterkostüm, daher weiß ich, dass ich bei der Maus ohne große Anpassungen den Schnitt umsetzen kann. Die Empiretypische Silhouette mit der hohen Taille habe ich einfach daraus selbst konstruiert und den Schnitt ein paar Zentimeter unterhalb der Brustebene gekürzt. Aus den Ärmelvariationen habe ich den Puffärmel gewählt, weil der der Empiresilhouette wieder am nächsten kommt. Ein Stückchen Samt für den Brustlatz und ein altes Hemd des Mausepapas fanden sich schnell als geeginetes Material. Das Oberteil zweimal zugeschnitten, um auch gleich ein Futter zu haben, und dann konnte es auch schon an die Maschine gehen. Das Nähen des Oberteils war keine große Herausforderung. Ich mag Kleider mit Teilungsnähten, daher gehen mir diese Teile gut und schnell von der Hand. Ein bisschen kniffeliger war es, Unterrock und Oberstoff auf die Weite des Oberteils einzuhalten. Der Oberstoff ist ungefähr vier bis fünfmal so weit wie der Brustumfang der Maus. Ich habe mich entschieden, beides in Falten zu legen und auch die Verbindung mit größeren Stichen zu nähen. So habe ich die Möglichkeit, das Rockteil später noch einmal abzutrennen und den Stoff bei Bedarf für ein weiteres Vampirkostüm in einer größeren Größe wiederzuverwenden.  So oder so war es aber eine ziemliche Murkserei, bis die Stoffmenge endlich in der Taille untergebracht war.


Für das Obendrüber wurde ich ebenfalls bei PASST! mit dem Kapuzencape fündig. Ein gelungener, schnell genähter Schnitt, der auch wirklich warm hält und schön prinzessinnenhaft flattert. Der Schnitt hat sich bei meiner Maus schon im vergangenen Jahr bewährt. Da für einen Vampir schwarz die Farbe der Wahl ist, entsteht das Cape aus zwei schwarzen Fleecedecken. Den Knitterfalten werde ich noch zu Leibe rücken - entweder ins Badezimmer hängen, wenn geduscht wird oder bei Nebel draußen auf die Leine, dann hängt sich der Stoff schnell schön glatt. Außerdem kommt der Zierverschluss vom Rock hier zu neuen Ehren und hält den Umhang am Hals zusammen - Funktionell und trotzdem ein Blickfang, so mag ich es. Aber da ich skeptisch bin, ob der Verschluss auch dem wilden Treiben eines Vampirs standhält, habe ich sicherheitshalber noch einen Druckknopf darunter versteckt. Eventuell umsteche ich die Kanten des Capes noch mit schwarzem Stickgarn im Festonstich, um einen Saum vorzugaukeln. Abschließend werde ich noch Armstulpen aus Fleece nähen, damit die Unterarme auch schön warm sind.

Der Maus gefällt das Kleid, sie fühlt sich drin wohl und sie wird auch nicht drin frieren, wenn sie untendrunter warm verpackt wird. Es raschelt schön durch den Taft, wie ein richtiges Ballkleid. Das ganze Ensemble kommt mir schon ziemlich schwer vor, aber das ist auch der Unterschied zu den gekauften Teilen. Hier stecken vernünftige Stoffe drin und kein billiges Polyzeug.

Jetzt kann der "Hau-Ab-Tag" kommen. Bis bald - Euer Huhn mit Blog

Montag, 26. Oktober 2015

Neues von kaidso onlinekurse: Shirt Maritim und Shirtkleid Segue



Seit ein paar Wochen gehöre ich zum Stammteam von Svenja und ihrem Label kaidso onlinekurse.  Es macht Spaß, mit vielen anderen engagierten Näherinnen an einem Thema zu tüfteln, zu nähen und schließlich die unterschiedlichen Ergebnisse zu bestaunen. Davon gab es in den letzten Tagen eine Menge zu sehen. Denn bei Svenja war die letzten Wochen mächtig was los: Eine ganze Reihe von Videokursen wurde von uns Stammis und vielen anderen hilfreichen Geistern auf Herz und Nieren geprüft. Mit dabei war unter anderem noch einmal mein Lieblingsschnitt des Shirtkleides Segue, den ich euch schon einmal hier vorgestellt habe.

Svenja ermuntert uns (und ihre KursteilnehmerInnen) immer wieder, nicht an den Schnitten wie am Evangelium festzuhalten, sondern selbst mit ihnen zu spielen und zu experimentieren. Das habe ich bei diesem Probenähen ausgiebig getan und zwei schöne Segues für meinen Kleiderschrank gezaubert.

Die Verwandschaft mit meiner rot-blauen "Supermama-Segue" oben kann meine "wilde" Segue links nicht verleugnen: Der große Kuschelkragen im Leoprint und die geraden Ärmel legen davon Zeugnis ab. Da ich mit meinen Maßen zu den X-Elfen gehöre, stellt mich die Konstruktion direkt auf dem Stoff manchmal vor ein kleines Problem. Die meisten Sweatstoffe liegen 140 cm breit - aber wenn ich ein Hüftmaß von 137 cm habe, kann ich die Standardkonstruktion von Svenja leider nicht 1:1 auf mich übertragen. Daher ist für mich Tüfteln angesagt. Die notwendige Bequemlichkeitsweite, die das Longshirt an dieser Stelle benötig, habe ich über den Einsatz von zwei Keilen aus dem Leostoff an den Seiten erreicht. So fällt das Longshirt locker über die Hüften und überspielt auch leicht meinen Bauchansatz. Auf den Bund am Saum habe ich verzichtet, da das Shirt durch den Loeprint auffallend genug ist. Verwendet habe ich hier einen schwarzen Sommersweat aus Baumwolle, der Leoprint ist ein Fundstück aus einem Stofftauschpaket und vermutlich Viskose. Übrigens: Auch die Hose, die ich auf diesem Bild hier trage, entstand nach einem Kurs von Svenja - mehr zu ihr gibt es demnächst hier zu lesen.




















Komplett von der Vorlage gelöst habe ich mich mit meiner Newspaper-Segue. Sie entstand nicht wie die beiden anderen aus Sweat oder Jersey, sondern aus einem Jeansstoff mit 6 Prozent Elasthan-Anteil. Svenja entwickelt ihre Kurse kontinuierlich weiter. Da ich nicht die einzige Nähfee im Übergrößenbereich bin, tüftelt Svenja darüber hinaus an Möglichkeiten, ihre Schnitte an die Besonderheiten der XXL-Figuren anzupassen. Zwar erlaubt die Konstruktion nach den eigenen Körpermaßen schon eine ziemlich gute Annäherung an die perfekte Passform, aber manchmal braucht es darüber hinaus ein paar Tricks und Kniffe, um die Kleidungsstücke noch besser an die eigene Figur anzupassen. Ich bin ein Freund von Abnähern: Sie sorgen dafür, dass auch ein kleiner Kugelfisch wie ich eine annähernd vorzeigbare Figur erhält. Gerade bei Übergrößen sind Abnäher in meinen Augen unverzichtbar. Daher hat es mich sehr gefreut, dass Svenja für die Segue einen ersten Entwurf eines Tutorial für Brustabnäher konzipiert hat, den sie im Stammteam vorgestellt hat. Ich habe mir das Video angesehen und bin begeistert: So einfach habe ich noch nie Abnäher an einem Oberteil gesetzt - und die sitzen exakt da, wo sie hingehören. Die Abnäher sind leider im Moment noch nicht verfügbar, werden aber schon in Kürze mit einigen Zusatzkursen für X-Elfen das Angebot von Svenja ergänzen.

Das Oberteil meiner Segue hier wurde mit einem Beleg verstürzt. Auf einen Blickfang wie den Tunnelzug im Originalschnitt wollte ich trotzdem nicht verzichten: Hier entschied ich mich für eine Applikation aus einen Patchworkstoff mit Zeitungsprint. Bis vor wenigen Wochen drehte sich mein Alltag rund um die Zeitung. Als rasende Reporterin war ich ständig unterwegs auf der Suche nach der nächsten Geschichte. Diese Applikationen sind ein kleiner Gruß an eine Zeit, die mir sehr viel gegeben hat und die ich auf keinen Fall missen möchte. Auch wenn ich jetzt zu neuen Ufern aufgebrochen bin.

Neben dem Shirtkleid Segue hat Svenja im Augenblick noch einen weiteren Schnitt bzw. Kurs für Oberteile im Angebot: Ihr Shirt Maritim ist eigentlich ein lässig sitzendes Shirt für schöne Sommertage. Mit ein paar Anpassungen macht es aber auch Spaß im Herbst und im Winter. Bei den anderen Probenäherinnen und natürlich im Showroom auf Svenjas Seite gab es ein paar gelungene Lösungen für Ärmel zu sehen. Ich habe mich entschieden, das Shirt Maritim für meine Maus als Herbst-/Winteredition umzubauen. Ich habe dazu einfach die Ärmel verlängert. Außerdem habe ich etwas mehr Weite genommen und statt Jersey oder Sweat einen eisblauen Fleece gewählt. Da meine Maus wie vermutlich alle Mädchen im Kindergartenalter ein absoluter Eiskönigin-Fan ist, habe ich das Shirt zusätzlich mit einem Zierstich im Schneeflocken-Look aufgepeppt. Von Segue inspiriert, hat der Pulli darüber hinaus statt der einfachen Kante mit einer Streifeneinfassung einen breiteren Kuschelkragen erhalten. Entstanden ist ein wunderschöner Kuschelpulli, der jetzt auf seinen ersten Einsatz wartet - vielleicht schon beim Herbstspaziergang heute nachmittag....

Das war es für heute - Euer Huhn mit Blog