Sonntag, 16. August 2015

Probenähen einmal anders - Butterick B622

Probenähen finde ich spannend: Wo besteht sonst die Gelegenheit, dem Ersteller eines Schnittes über die Schulter zu schauen? In meinem bevorzugten Forum rund ums Nähen www.hobbyschneiderin24.net suchte das Redaktionsteam vor einigen Monaten Interessenten für ein etwas anderes Probenähen. Hier sollten die Nähfeen neue Schnitte von etablierten Verlagen auf Herz und Nieren prüfen und ihre Erfahrungen beim Bearbeiten schildern.

Ich habe mich sehr gefreut, für das Forum den Test mit einem neuen Butterick-Schnitt machen zu dürfen: Modell B6222 der Designerin Connie Crawford. Schöne Schnitte in Übergröße zu finden, ist eine Wissenschaft für sich: Jersey ist häufig das Material der Wahl. Häufig haben die Kleider eine gewisse "Kartoffelsack-Ästhetik". Darüber hinaus gibt es Gelegenheiten, bei denen Kleider aus Jersey und anderen dehnbaren Stoffen einfach nicht angemessen sind. Außerdem mag ich diese "Wurstpellenoptik" nicht, die viele Jerseyteile haben. Zudem haben die meisten beliebten Jerseykleider, die mir im Netz immer wieder begegnen, oft nur eine einfache Schnittführung - was vermutlich den Wünschen der meisten Näherinnen entgegen kommt. Tut mir leid: Ich finde, ein Kleid mit Abnähern hat einfach eine bessere Passform. Hier fand ich nun einen ansprechenden Schnitt aus "Webware". Ich halte es da wie Queen Elisabeth: Mit einem Kleid ist man (frau) immer gut angezogen - schöne Schuhe und ein bisschen Schmuck dazu, fertig.

Das besondere an diesem Kleid sind seine asymmetrischen Nähte, die dem ganzen einen eleganten und zeitlosen Look verleihen. Da meine Figur immer mehr zu einem O tendiert, deuten diese Linien zudem eine Taille an, wo es im Original keine mehr gibt. Diese schrägen Nähte sollten sich allerdings beim Nähen als echte Geduldsprobe erweisen.

Größe 2X entspricht ungefähr einer deutschen 52/54. Als Material fand ich bei meinem örtlichen Händler eine schöne leichte Viskose in marineblau mit einer dezenten Melangeoptik, was auch den Stoffempfehlungen von Butterick mit leichten bis mittelschweren Stoffen entsprach.

Wer schon einmal mit amerikanischen Schnitten von Butterick, McCalls, Vogue oder Simplicity gearbeitet hat, kennt dieses typische feine braune Schnittmusterpapier. Da es gerne ziemlich zerknittert aus dem Umschlag kommt, ist ein Bügeln des Schnittes empfehlenswert. Schnell gibt es sonst Passprobleme, weil durch die Knicke ein paar (oft entscheidende) Zentimeter fehlen. Nun sind die Rockteile des Kleides allerdings ziemlich groß - und ich habe nur ein kleines Bügelbrett. Ich hatte ständig Sorge, dass das feine Papier bei dieser Prozedur reißt.

Der Zuschnitt war relativ problemlos, wenn auch aufwendig: Da sämtliche Schnittmusterteile asymmetrisch angelegt sind, muss jedes Teil für sich einzeln auf einfacher Stofflage ausgeschnitten werden. Zum Glück habe ich im Wohnzimmer genug Platz, um eine 1,50 m breite und 3,40 m lange Stoffbahn entsprechend auslegen zu können.

Das Nähen selbst lief ohne größere Probleme. Die Anleitung war für mich gut verständlich und nachvollziehbar. Schwierigkeiten hatte ich lediglich beim einseitig verdeckten Reißverschluss: Dieser ist mir bei meinen bisherigen Projekten noch nicht begegnet, war aber dank Grundlagenbuch, Suchmaschine und Videoanleitungen am Ende ohne größere Probleme zu meistern. Bei diesem Kleid bewahrheitete sich einmal mehr eine alte Weisheit: Das Bügeleisen ist eine Nähhilfe. Gefühlt stand ich ständig am Brett. Die vielen schrägen Nähte galt es bei jedem Schritt, sorgfältig auszubügeln.

Das Ergebnis gefällt mir sehr gut: Mein Maßstab ist bisher Konfektionsware. Da habe ich Sachen im Schrank, die deutlich schlechter sitzen. Allerdings ist doch das ein oder andere zu bekritteln: Die Abnäher im Rücken sitzen gut, aber die Brustabnäher müssen für mich ein wenig versetzt werden. Hier habe ich Zugfalten - wie auf dem Bild hier rechts gut zu erkennen ist. Außerdem zieht das Kleid ein bisschen nach vorne: Das ist zu erkennen an der Schulternaht, die nicht exakt in der Mitte meiner Schulter liegt. Ich vermute, das hängt mit dem doppelten Rockteil zusammen. Vorne ist einfach mehr Stoff und damit mehr Gewicht als hinten. Außerdem hoffe ich, dass eingehaltene Ärmelnähte und ich irgendwann doch noch Freundschaft schließen: Es gelingt mir nur selten, diese ohne sichtbare Falten zu nähen. Die überschnittenen Schultern, die auch auf den Bildern des Herstellers gut zu sehen sind, werde ich beim nächsten Kleid etwas anheben. Die Armkugel sollte für meinen Geschmack etwas höher sitzen - zwei, maximal drei Zentimeter dürften hier reichen. Außerdem denke ich, dass ich mit einem unsichtbaren Reißverschluss besser bedient bin. Das Gefrickel mit dem einseitig verdeckten Reißer ist für mich noch sehr gewöhnungsbedürftig.

Hier findet ihr meine abschließende Beurteilung des Schnittes.

Eine zweite Version wird es definitiv geben. Ich kann mir dafür ein schönes leuchtendes Rot sehr gut vorstellen. Aber auch die zweifarbige Variante wie im Muster gezeigt finde ich sehr reizvoll.

Aber im Augenblick bin ich mit dieser Version sehr zufrieden - genau richtig für schöne Sommertage...

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