Freitag, 14. August 2015

Ein altes Schätzchen: Singer No. 66 aus dem Jahr 1911

Heute möchte ich euch einen ganz besonderen Schatz vorstellen: Meine "Singer No. 66 "Red Eye" aus dem Jahr 1911.

Eine liebe Bekannte stieß beim Kellerentrümpeln auf einen alten Holzkasten mit goldenem Singer-Aufdruck. "Ich glaube, ich habe eine Nähmaschine gefunden. Vielleicht kannst du damit was anfangen."

"Oha, schwer", war mein erster Gedanke. Erschwerend dazu kam, dass der Schlüssel für die Metallbeschläge nicht vorhanden war. Mit ein bisschen handwerklichem Geschick gelang es uns, die Haube zerstörungsfrei zu entfernen. Was uns darunter erwartete, überraschte: Zum Vorschein kam eine etwas verstaubte, eindeutig alte Nähmaschine.

Das auffälligste an ihr sind ihre aufwändigen Dekore in rot und gold. Der erste Eindruck war ausgezeichnet, ein vorsichtiges Drehen am Schwungrad hinten zeigte, dass das gute Stück funktionsfähig ist. Sogar Nähgarn war noch eingefädelt. Leider konnte mir meine Bekannte nicht mehr sagen, wer damit zuletzt genäht hatte.

Überrascht hat mich bei der weiteren Bestandsaufnahme die Tatsache, dass es sich bei diesem alten Stück eindeutig um eine elektrische Nähmaschine handelt. Meine alte Dame besitzt einen externen Motor und sogar eine Beleuchtung. Allerdings gab uns der Stecker einige Rätsel auf: Es war ziemlich klar, dass es sich hier nicht um einen deutschen Stecker handelt. Der Blick auf das Motorschild verriet zudem, dass der Motor nur mit 110-120 Volt betrieben werden darf - was für eine amerikanische Herkunft spricht. Allerdings gehörte ein deutsches Kabel zur Ausstattung, und auf der Garnrolle war ein deutsches Fabrikat aufgespult.

Alles in allem warf die Maschine und ihre Geschichte mehr Fragen auf, als ich Antworten finden konnte. Aber es war klar, dass ich das gute Stück nicht wieder in einer finsteren Kellerecke verstauben lassen möchte.

Zum Glück gibt es in meinem bevorzugten Forum www.hobbyschneiderin24.net auch eine Abteilung für Altertümchen. Dort stellte ich meinen Schatz vor und erhielt auch relativ schnell Antworten auf meine Fragen.

Zuerst bin ich davon ausgegangen, dass es sich bei unserem Fund um eine Singer 221-1 handelt, weil im Zubehörkasten auch eine entsprechende Bedienungsanleitung lag. Lachen mussten wir über die Visitenkarte des damaligen Verkäufers. Leider bin ich dem Rat aus dem Forum nicht gefolgt, ihn mal anzurufen, um ihn nach der Maschine zu fragen - wäre bestimmt ein interessantes Gespräch gewesen...

 Die Altertumsfans aus dem Forum brachten mich schließlich auf die richtige Spur:
Bei meinem Modell handelt es sich um eine Singer No. 66. Nach ihren auffälligen Dekoren, die ein wenig an rote Augen erinnern, hat sich auch ihren amerikanischen Spitznamen "Red Eye" erhalten.


Ein weiterer Tipp führte mich zu ihrem "Geburtsort": Sie wurde im Singer-Werk in Elisabethport gebaut. Der Vergleich der Seriennummern beim Veritas-Club brachte schließlich die große Überraschung: Meine Maschine stammt aus dem Jahr 1911. Dank der Seriennummer kann ich ihren Entstehungszeitraum relativ präzise eingrenzen. Sie wurde nach dem 15. Januar 1911 und vor dem 11. April 1911 gebaut. Das Modell No. 66 war eine schwere Haushaltsnähmaschine.  Ich wusste bis zu diesem Augenblick nicht, dass es 1911 überhaupt schon elektrische Nähmaschinen gab. Aber der Blick in die Historie von Singer zeigt: 1889 hat Singer bereits die erste funktionsfähige Maschine mit Elektroantrieb entwickelt.

Anschließend habe ich das gute Stück erst einmal ordentlich sauber gemacht und entstaubt. Überrascht war ich, dass die Maschine vergleichsweise sauber daher kam. Die Bilder, die ich von anderen alten Maschinen gesehen hatte, ließen mich auf das Schlimmste gefasst sein. Doch die Mechanik war leichtgängig, kaum Dreck oder verharzter Staub. Also brauchte ich die nur vorsichtig zu säubern und gut mit einem hochwertigen Nähmaschinenöl schmieren.

Die große Unbekannte blieb der Motor. Würde dieser nach all den Jahren noch funktionieren? Klarheit brachte schließlich ein Test mit einem Spannungswandler. Angeklemmt, eingeschaltet - und prompt ging bei meiner alten Dame das Licht an. Ein vorsichtiger Druck auf das Fußpedal ließ den Motor schnurren wie eine satte Katze. Das Nahtbild ist überraschend sauber und präzise, die Sticheinstellungen gut zu handhaben. Lediglich der Treibriemen, der Motor und Antrieb verbindet, hat im Laufe der Jahre gelitten und ist an manchen Stellen brüchig geworden. Diesen werde ich noch ersetzen - das Ersatzteil dazu liegt bereits hier in der Schublade.

Jetzt steht das gute Stück sauber und einsatzbereit als Blickfang in meinem Nähzimmer. Ich freue mich darauf, ihre Fähigkeiten bei meinem nächsten Quiltprojekt zu erproben. Im Moment habe ich noch einen Patchwork-Swap laufen. Meine Blöcke zum Thema Herbst möchte ich in der Quilt-as-you-go-Methode auf meiner rotäugigen Lady quilten. Aber das ist eine andere Geschichte...

Bis zum nächsten Mal - euer Huhn mit Blog

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